Das Freiherr-vom-Stein-Berufskolleg ist bei der Digitalisierung ganz vorne

Sie hören schon sehr genau hin, die Herren von der Sparkasse. Drei große Touchscreentafeln haben die Sparkasse Bad Oeynhausen - Porta Westfalica und der Sparkassenverband Westfalen-Lippe am Freiherr-vom-Stein-Berufskolleg gesponsert. Aber hier geht es um mehr als salbungsvolle Worte und gegenseitiges Schulterklopfen wie es bei Spendenübergaben sonst üblich ist. Hier geht es um Fragen, die eigentlich alle umtreiben, die in irgendeiner Branche Führungsverantwortung tragen: Wie schafft man es, Schritt zu halten mit der Digitalisierung? Wie bewältigt man die notwendigen Veränderungsprozesse?

Das ist Michael Pauls Leib- und Magenthema. Der Schulleiter des Freiherr-vom-Stein-Berufskollegs beschäftigt sich seit mehr als vier Jahren damit, „seine" Schule umfassend zu digitalisieren. 1.000 Tablets sind hier mittlerweile im Einsatz, bis zum Ende des nächsten Jahres sollen es 1.500 sein. Mehr als die Hälfte der Schüler sitzt in Tabletklassen und es werden immer mehr. „Es gibt keinen Weg zurück", sagt Paul. Das war ein langer und holpriger Prozess und der Schulleiter wird nicht müde, von den Erfahrungen an seiner Schule zu berichten, in der Hoffnung, anderen Schulen den ein oder anderen Umweg zu ersparen. Denn das ist natürlich eines der größten Probleme in diesem Bereich: Dass hier jeder das Rad neu erfindet.

Es fängt schon damit an, dass niemand einen wirklichen Überblick hat, erzählt Paul. „Natürlich haben wir anfangs erst einmal überall Erkundigungen eingezogen, nach Beispielen gefragt. Von der Bundesregierung bis hin zu Microsoft. Aber da gab es sehr viel weniger, als wir uns hätten vorstellen können", ergänzt der stellvertretende Schulleiter Oliver Dunst. Wertvolle Tipps lieferte allerdings die Partnerschule in Rotterdam: „In den Niederlanden ist man sehr viel weiter."

Manche Probleme haben die aber auch schlicht nicht: Lahme Leitungen, zum Beispiel. Anfangs habe man viel Geld dafür ausgegeben, erst einmal die Schule von Experten „ausleuchten" zu lassen. Um festzustellen, wie weit das W-Lan reicht, welche Kapazitäten vorhanden sind und welche gebraucht werden. „Das hätten wir uns sparen können", sagt Paul. Man bräuchte einfach einen Access-Point pro Raum, fertig aus. Das nächste Problem: Die Leitungskapazitäten. Allein die Preisspannen seien riesig. Letztlich habe man einen lokalen Anbieter gefunden, der nur noch ein Drittel von dem verlangte, was der erste Anbieter veranschlagt hatte. Aber bei dem habe man mittlerweile fünf Internetpakete gebucht und sei schon wieder am Limit. „Ich hoffe, wir bekommen bald den Breitband-Anschluss", seufzt Paul.

Im Alltag wirkt sich das durchaus dramatisch aus: Wenn nämlich plötzlich der Zugriff auf das digitale Klassenbuch und die vorbereiteten Unterrichtsmaterialien fehlen, stehen die Kollegen erst einmal auf dem Schlauch und müssen hektisch improvisieren. „Letztes Jahr hatten wir eine akute Krise, weil plötzlich von einem Moment auf den anderen nichts mehr ging", erinnert sich der Schulleiter. 600 Geräte hatten die Router problemlos geschafft, aber kaum wurde das 650. aufgeschaltet, ging plötzlich gar nichts mehr. Stunden brauchte die kreiseigene IT-Abteilung, um den Fehler zu finden. „Das kostet schon Nerven."

Auf sein Kollegium lässt Paul deshalb nichts kommen. Natürlich sagen viele, wie jüngst erst wieder die Süddeutsche Zeitung, dass die Digitalisierung an Schule vor allem an den allzu analogen Lehrern scheitere. Das sei sicher auch nicht ganz von der Hand zu weisen, sagt Paul. Er hat aber auch ganz andere Erfahrungen gemacht: „Die Kollegen hier haben eine ganze Menge an Kinderkrankheiten und Anfangsproblemen mit uns ausgebadet. Dafür habe ich den größten Respekt, die haben echt etwas mitgemacht. Lehrerschelte werden Sie von mir nicht hören."

Natürlich gäbe es auch Widerstände und Ängste, sagt er. Die müsse man dann halt auch ernst nehmen und individuelle Lösungen finden. Dabei sei es wichtig, zu akzeptieren, dass eben einfach nicht alle immer auf dem gleichen Stand sein können. „Aber wichtig ist doch, dass man sich überhaupt auf den Weg macht. Und wenn dann einer die Fortbildung zwei- oder dreimal besuchen muss, bis er soweit ist, dann ist das halt so."

Auch dies sei eine wichtige Lektion gewesen, die man von den holländischen Kollegen mitgenommen habe, sagt Paul. „Auf keinen Fall Leuchtturmklassen schaffen." Das führe nämlich bloß dazu, dass die Kollegen, die technikaffin sind und die sich begeistern lassen, dort bündeln – und die anderen sich zurücklehnen, nach dem Motto: Die machen das ja schon. Am Freiherr-vom-Stein war von Anfang an die flächendeckende Einführung von Tabletklassen das Endziel – auch wenn das nur schrittweise geht. Die Kollegen hätten schnell gemerkt, wie viel unvermutete Arbeitsersparnis da drin steckt: Nicht nur, weil sie nicht mehr drei dutzend Bücher mit sich herumschleppen müssen und morgens um die Pole Position am Kopierer streiten. Sondern auch, weil man über die gemeinsame Plattform mal eben rasch gucken kann, wie weit der Kollege im Parallelkurs ist und Unterrichtsmaterialien oder Testaufgaben problemlos austauschen kann. „Das sind natürlich Dinge, die sie in kein Medienkonzept schreiben, die wir anfangs auch gar nicht so richtig auf dem Schirm hatten – die aber im Schulalltag durchaus eine große Rolle spielen", sagt Oliver Dunst, der stellvertretende Schulleiter. Vor allem auch, weil sie Zeit und Kapazitäten für andere Dinge freischaufeln: Individuelle Förderung zum Beispiel. Immerhin können die Klassenlehrer über die gemeinsame Plattform auch die Arbeitsordner ihrer Schüler einsehen – und so feststellen, wie weit jemand ist oder wo es noch hakt. Was nicht ganz so gläsern ist, wie es jetzt klingt: Denn natürlich gibt es für jeden auch geschützte Bereiche, auf die niemand zugreifen kann.

Nun hat das Freiherr-vom-Stein-Berufskolleg allerdings auch ein paar besondere Bedingungen, die für andere Schulen nicht so einfach herzustellen sind. Dazu gehört erstens, dass bestimmte Grundsatzdebatten hier gar nicht geführt werden müssen. Während anderswo darüber diskutiert wird, ob Bildschirmzeit nicht grundsätzlich schädlich ist, ob das Starren auf einen Display nicht quasi zwangsläufig zur Vernichtung von Gehirnzellen führt, stellt sich diese Frage am Berufskolleg nicht: „Unsere Schüler müssen in ihren Betrieben damit umgehen. Es wäre fahrlässig, wenn wir das vernachlässigen würden", sagt Paul. Auch über eine andere Hürde hat dieser Umstand hinweg geholfen: Nämlich der Frage danach, welches System man anschafft, welche Software man bevorzugt. „Wir haben uns für Windows und One Note entschieden, weil unsere Schüler in den Betrieben überwiegend damit arbeiten." Die Schüler bringen ihre Tablets oder Laptops selber mit, bei den meisten werden diese von den Ausbildungsbetrieben gestellt oder zumindest mitfinanziert.

Für die Vollzeit-Schüler, die keinen Betrieb im Rücken haben, gibt es eigene Finanzierungsmodelle. Der Förderverein hat zusätzliche Geräte angeschafft, die geliehen oder per Ratenzahlung abgestottert werden können, damit niemand aus finanziellen Gründen zurückbleibt. Etwa zehn Prozent der Schüler nehmen diese Hilfen in Anspruch, das ist weniger als befürchtet.

Und obwohl die Schüler die Geräte selber mitbringen, macht die Schule genau Vorgaben bei den Systemvoraussetzungen und beim Betriebssystem. Man könne es den Lehrern schließlich nicht zumuten, sich bei Problemen, die zwischendurch natürlich immer mal auftauchen, erst eine halbe Stunde mit dem Schülergerät vertraut machen zu müssen, weil jedes anders aussieht.

Die Administration und die Unterstützung bei technischen Problemen sind eine weitere Baustelle, die vielen Schulen Probleme bereitet. Die Nutzerkonten – 2000 Schülerkonten und 120 Lehrerkonten – verwaltet man nicht mal eben so nebenbei. Zwar gibt es beim Schulträger, dem Kreis Minden-Lübbecke, eine eigene IT-Abteilung, die jüngst auch noch einmal um eine Stelle aufgestockt wurde, aber die ist eben eher für die technische Infrastruktur zuständig und zwar für alle Schulen in Kreisträgerschaft. Die vielen, kleinen Stolpersteine im Alltag müssen die Schulen irgendwie selber bewältigen und natürlich reichen die dafür im Personalbudget vorgesehenen „Entlastungsstunden" (also Stunden, die eine Lehrkraft vom Unterricht freigestellt wird, um sich um andere Dinge zu kümmern) hinten und vorne nicht.

Mit den neuen, 6000 Euro teuren Touchscreentafeln, hat das Freiherr-vom-Stein nun einen weiteren Schritt gemacht, die veraltete Präsentationstechnik aus Rechner und Beamer an die neue Arbeitsweise anzupassen. Aber natürlich kann kein Schulträger eine solche Ausstattung für alle Klassenzimmer finanzieren. Für die Sparkassen macht dieses Sponsoring allerdings durchaus Sinn: Immerhin werden auch ihre eigenen Azubis hier ausgebildet.

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Quelle: https://www.mt.de/lokales/minden/22508200_Das-Freiherr-vom-Stein-Berufskolleg-ist-bei-der-Digitalisierung-ganz-vorne.html
Fotos: © Nadine Conti

Freiherr-vom-Stein-Berufskolleg

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32425 Minden
Tel: +(0571) 837020
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